Wegen Niedergeschlagenheit: Klavierkonzert droht Abbruch

Erst Jammer-, dann Kammerkonzert; und am Schluss ganz tolle Kracher

Großes Theater, das – wie sollte es anders sein – mit einer Hängepartie und total verklemmten Dingern begann, sich aber dann doch in Freude auflöste. Knusperknisterknirschend im Mund zumindest. Und musikalisch auch!!!!
Großes Theater, das – wie sollte es anders sein – mit einer Hängepartie und total verklemmten Dingern begann, sich aber dann doch in Freude auflöste. Knusperknisterknirschend im Mund zumindest. Und musikalisch auch!!!!

Es begab sich zu jener Zeit, da das Aprilwetter zum Hässlichen neigte, dass zumindest die Seele ihre Freude haben sollte; die musikalische jedenfalls. Lambis Vassiliadis weilte in Solingen – und dieser Mann ist unter den Pianisten mit Weltrang wahrlich nicht der geringste. Der Grieche ist weltberühmt für sein zugleich explosives wie sensibles Spiel, bei Menuhin, Merzhanov und vielen anderen hat er studiert, er trägt fünf akademische Titel. 

 

Das Forum für kulturelle Zusammenarbeit Solingen-Minsk (von Christine Lutter-Link und Olaf Link) hatte zusammen mit der Gesellschaft griechischer Akademiker in Nordrhein-Westfalen und begleitet vom Arbeitskreis Burger Brezel zum Konzert in eine der Solinger guten Stuben geladen. In den Stiftersaal des Deutschen Klingenmuseums. 

 

Der Flügel war vorbestellt, der Klavierstimmer, das wohlschmeckende Fingerfood-Erlebnis, der Pianist hatte gute Laune, es schneite, die Zuschauer kamen – es hätte losgehen können. 

 

Hätte. Wären da nicht die Tasten gewesen. Die auf dem Flügel. Normalerweise sind sie ja ein Federspiel der Schwerkraft: Taste anschlagen, die Stoßzunge überträgt es auf den Hammer, der schlägt die Saite, Hammer, Zunge und Taste fallen in Ausgangslage zurück. Blitzschnell. Nicht so in Solingen, im Klingenmuseum, beim dortigen Flügel, trotz Klavierstimmer, der so munkelte man, tatsächlich auch dagewesen sein sollte. 

 

Hammer, Taste und Dämpfung dachten doch gar nicht daran, wieder in Ausgangslage zurückzukehren, um eventuell erneut geschleudert zu werden. Einmal gedrückt – so, und dann einfach hängenbleiben. Einfach so. Eine wunderschöne Tastatur, von der vier Tasten den Dienst verweigerten. Wegen Schnee, Solingen, Klingenmuseum – keiner wusste, warum. Mit dem Hammer die Taste anschlagen und sie dann jedesmal mit dem Meißel wieder zurückklopfen, das wäre irgendwie gegangen. Doch sicherliche hätte es das fliegend-flüssige Spiel des Pianisten erheblich gestört. Schließlich waren tontänzelnde Einfülle vo Schubert, Liszt und Brahms zum Vortrag vorgesehen. 

 

Die Tasten blieben ganz einfach niedergeschlagen. Was nun? Hektische Telefonate. So ziemlich jeder, der in Solingen mit Klaviermusik in Verbindung gebracht werden konnte, wurde angerufen - - allein, trotz Schnee, alle waren unterwegs, der nächste Klavierstimmer maximal in Köln oder Düsseldorf aufzutreiben. Eine Viertelstunde vor Konzertbeginn.  

Das C der großen Oktave sowie c, e und f der kleinen  Oktave wollten ganz einfach nicht mehr. Wie gut, dass unter den Gästen ein sehr erfahrener Bundespolitiker weilte, Solinger und musizierend von Hause aus. Der erinnerte sich an zweierlei: Erstens, wenn in der Poltik keine Lösung möglich ist, geht man einfach einen anderen Weg. Zweitens, Solingen hat doch zwei Flügel, mindestens! Fünf Minuten des Weges zum Kunstmuseum und nach zwei Telefonaten das dritte durch ihn zurück ins Klingenmuseum: Leute, kommt hier rauf zum Kunstmuseum, der Saal ist frei, der Flügel wippt auf allen Tasten. 

 

Und so begab sich eine Karawane frohgelaunter hoffnungsvoller Menschen durch Schnee und Kälte ins Kunstmuseum. Wo aller Jammer bald entschwunden war, weil Lambis Vassiliadis ein wunder-, wunder-, wunderschönes Kammerkonzert im intimen Rahmen auf wundervoll tönendem, wipp-, hämmer- und rückfall-willigen Flügel spielte. 

 

Derweil hatten fleißige Heinzelmännchen um Thomas Goetzen des Arbeitskreises Burger Brezel eine Palette an Schmankerln zubereitet: Zwiebrez mit allerlei herzhaftem oder käsigen oder fischigen Cremes plus lustige Toppings. Dabei handelte es sich um das von Dieter Büscher erfundene Flachstangengebäck, das man im Schwäbischen garantiert "Krächerle" nennen würde; aus einer geheimen Mischung aus Zwieback- und Burger Brezel–Teig: sozusagen Zwiebrez. Von ihm "Burgetta" genannt, da klingen natürlich die italienischen Bruschettas an (nebenbei, pardon, Bru-sketta gesprochen); da gemacht in Burg heißen sie eben Burgettas. Logisch. Und sie wippen wundervoll auf Teller und Platten, lieber Flügel!  Es gibt sie übrigens auch als Burgini, der Name suggeriert: dann sind sie viel kleiner, etwa im Durchmesser eines normalen Burger Brezels, stehen aber an Stelle von Brot (panini). 

 

Beißt man hinein, knuspert es vernehmlich, aber keineswegs krümelig. Die Dips und Cremes machen Lust und Laune, weil sie köstlich schmecken. Die Laune war übrigens – schließlich begab man sich eigens zum Essen vom Kunst- wieder ins Klingenmuseum – ebenfalls die beste, wegen des phantastischen Konzerts und jetzt wagte sich Maestro an das total verklemmte Geflügel im ansonsten schneidigen Museum und intonierte noch tragisch-schöne griechische, lustige deutsche Lieder und spontane Gesangseinlagen und

-Darbietungen ließen ahnen:

 

Hört der Solinger Musik, ist er gut drauf, da hindern nicht Aprilschnee, nicht klemmende Tasten oder längere Wege. Kommt der Flügel nicht zum Zuhörer, geht der Zuhörer in Solingen ganz einfach zum Flügel hin. 

 


Einer jedenfalls war besonders froh: Lambis Vassiliadis. Schon viel erlebt hat er – klemmende Tasten bisher noch nicht. "Also", sagt er, "wenn ich jetzt in der Welt unterwegs bin, werde ich von Klemmen und Schlemmen in Solingen berichten können." 

Wir alle aber wussten ja bereits: Es ist nicht neu, dass es in der Klingenstadt oft ein wenig klemmt –  Δεν είναι νέο, ότι συχνά είναι λίγο κολλήσει στην πόλη των λεπίδων. 

Der Meister und seine Bewunderer

Hängepartie – links klemmt es, rechts ist isoliert. Das ist jetzt nicht politisch gemeint. Oder doch?
Hängepartie – links klemmt es, rechts ist isoliert. Das ist jetzt nicht politisch gemeint. Oder doch?
Was halt ein großer Virtuose ist, dem kommt es auf ein paar Töne mehr oder weniger nicht an. Prost!
Was halt ein großer Virtuose ist, dem kommt es auf ein paar Töne mehr oder weniger nicht an. Prost!
Jedenfalls war das verlegte Konzert so großartig, dass die Gastgeber nicht um ein Geschenk verlegen waren.
Jedenfalls war das verlegte Konzert so großartig, dass die Gastgeber nicht um ein Geschenk verlegen waren.
Als "die Klavierklemmer" ziehen sie demnächst tingelnd von Bühne zu Bühne ...
Als "die Klavierklemmer" ziehen sie demnächst tingelnd von Bühne zu Bühne ...

Des Körpers Recht nach Schreck und Wanderschaft

Neee, neee, diese Jugend – mag da mancher gedacht haben :-))
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